
Maria S. wurde nicht geboren am 3. 12. 1969 im Schloss Merseburg, sondern im Carl-von-Basedow-Kreiskrankenhaus Merseburg. Als fünftes Geschwisterkind rutschte sie selbstbewusst in die beginnende Adventszeit und bereicherte den Kantorenhaushalt um zusätzliche Arbeitsfelder.
Es folgte eine klassische Kindheit als Kantorentochter in Bad Dürrenberg mit allen Extras und Entbehrungen im Kreise ihrer Lieben mit steter Freundlich- und Beharrlichkeit. Zu den Extras gehörte zum Beispiel das Erlernen zahlreicher tongebender Instrumente wie Blockflöte, Klavier, Trompete, Mandoline und Orgel. Im jugendlichen Alter überließ sich Maria S. selbstverliebt der süßen Wonne des Schlaggitarrenspiels und beglückte die Dürrenberger Junge-Gemeinde-Treffs. Zu den Entbehrungen zählte beispielsweise die Nichtbekanntschaft mit dem Tragen des blauen oder roten Halstuches, eines blauen Dederon-Hemdes mit aufgenähtem Sonnenuntergang und des Sportabzeichens in Bronze, Silber oder Gold.
Heimweh, Stabsichtigkeit, Übergewicht, Freiesserstatus und eine große Begabung zur Krankheitssimulation (die im Jahre 1979 sogar die operative und rückstandslose Entfernung des völlig gesunden Blinddarmwurmfortsatzes zur Folge hatte, wieder in besagtem KKH Merseburg – ein krasses Beispiel nicht indizierten ärztlichen Handelns1 und echter, sich bis zur Selbstaufgabe konsequent treu bleibender Schauspielkunst) prägten die Jahre des Wachstums.
Privilegiert zur MilchholerIn beendete Maria S. 1986 sollübererfüllt die Schullaufbahn an der POS „Friedrich Engels“ und verabschiedete sich aus dem Schoß von Margot Honecker und der sozialistischen Führung. Schwanger mit der Idee und allen guten Voraussetzungen, wie ihr Vater Kirchenmusik zu studieren, siedelte sie 1986 in Ekkeharts Metropolis Naumburg über und bezog mit Federbett und Schreibtischlampe ein kleines, aber viel besuchtes Vier-„Mann“ Internatszimmer. Die folgenden drei Jahre am Kirchlichen Proseminar in Naumburg waren eine harte Schule in der Erlernung klassischer Altsprachen, in der Durchführung kybernetischer Versuche zur Unmöglichkeitsberechnung, im rebellischen Auflehnen gegen Heimfahrtssperre und Vorbereitungen zu Morgenandachten. Jahre der ersten in „Gotano“ und „Stierblut“ ertränkten Lebenslügen und Liebeslüste…
Nach der Entgegennahme des Abiturzeugnisses 1989 erkämpfte sich Maria S. wieder einen Platz im sozialistischen System und zog in einer Ausbildung zur Damenmaßschneiderin weiter an ihrem roten Faden durchs Leben.
Verlockt auf die Abwege der menschlichen Psyche studierte Maria S. die nächsten werthaltigen fünf Jahre, tagsüber wurde gelesen und lebensgeschichtlich-hermeneutisch nicht verstanden, nachts wurde gewerkelt und genäht. In dieser hybriden Zeit entstanden ihre ersten Kollektionen unter dem Namen „Graue Maus“. Nach Abschluss des Magisterstudiums erfreute sich Maria S. eines geregelten Arbeitsverhältnisses zu festen Bürozeiten und tauchte als Erziehungswissenschaftlerin im Berufsleben unter – aber kurze Zeit später unbeschadet wieder auf. Kontinuierlich gab sie der Grauen Maus Nahrung und ließ sie wachsen. In dieser Zeit präsentierte Maria S. mit Freunden, Schauspielern, Musikern und Theaterregisseur die erste inszenierte Modenschau „Prêt-a-jouer 1“, ein Jahr darauf folgte „Prêt-a-jouer 2“.
1999 gab sie drängendem Zureden nach und mietete in der Bachstraße in Leipzig ihr erstes Atelier . Der Moment der Entscheidung, in Zukunft vom Erfolg und dem guten Geschmack ihrer Graue-Maus-Konsumenten zu leben, war da.
Ab Mai 1990 arbeitete Maria S. an der Produktion des Kundschafters, der am 7. 2. 1991 als Jolantha Schenke seine Tätigkeit aufnahm. Weitere, männliche Erst- und Zweitausgaben folgten 2001 und 2003 unter den viel versprechenden Werktiteln Jodokus und Josef Schenke. Seitdem erfreut sich Maria S. täglich bester Laune und klebriger Türrahmen.
1 Vgl. Laufs, in: Laufs/Uhlenbruck (Hrsg.), Handbuch des Arztrechts, 3. Aufl., München 2002.
Grau ist nur die Hose, nicht das Leben.
Ironie und Albernheit sind meine bevorzugten Stilmittel.
Mode? Das klingt zu sehr nach Konfektion und Konvention, nach Alltagsgrau eben. Ich suche nach Synonymen.
Der Mensch soll erkennbar bleiben und nicht von der Kleidung dominiert und überschrien werden.
Maria Schenke